MGH knüpft Kontakte nach Kalisz / Gespräch mit Holocaust-Überlebenden

von Stefan Gehre

Hamm-Westen – Das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen gilt als angespannt. Das haben auch die 13 Schüler der AG „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ des Märkischen Gymnasiums erfahren, die zehn Tage in Polen weilten. Es gab aber auch viele positive Signale: Die ersten Kontakte, die die Hammer zu Schülern des Lyzeums (Gymnasium) in Hamms Partnerstadt Kalisz geknüpft haben, sollen vertieft werden – zunächst auf privater Ebene. Beide Seiten hätten aber ein großes Interesse daran, das alles auch langfristig auf Schulebene zu übertragen, wie Dr. Andrea Kolpatzik – sie war eine der drei begleitenden Lehrkräfte – sagte. „Ähnlich wie es mit unserer deutschen Partnerschule in Eichwalde bei Berlin der Fall ist“, so Kolpatzik, die sich zum Beispiel vorstellen kann, dass deutsche und polnische Schüler demnächst gemeinsam das Konzentrationslager Auschwitz besuchen.

Beeindruckt: Schüler des Märkischen Gymnasiums trafen sich in Krakau mit der Holocaust-Überlebenden Lidia Maksymowicz. Kein anderes Kind überlebte Auschwitz so lange wie sie.

Bei ihrem – scheidenden – Chef, Schulleiter Florian Rösner, rannte sie damit offene Türen ein. Derartige Begegnungen seien ihm ein wichtiges Anliegen. Sie zeugten nicht nur von der Toleranz und der Vielfalt des Märkischen Gymnasiums, sondern seien auch zukunftsweisend: „Nämlich dass wir alle in Frieden miteinander leben.“ Finanziert worden sei die Begegnung von Schülern aus Hamm und Kalisz über das EU-Programm Erasmus+.

Das Treffen im Kalisz war aber nur eine von mehreren Begegnungen. Warschau, Krakau, Auschwitz: An verschiedenen Orten befassten sich die MGH-Schüler mit dem Holocaust. Und das hat bei ihnen tiefe Eindrücke hinterlassen, wie Leilah Ekinci, Yeling Zhang, Sievana Dodo uns Isra Deniz bestätigen. Man habe sehr ausführlich über das Erlebte gesprochen und es durchaus auch unterschiedlich aufgenommen, so Leilah Ekinci.

Besonders beeindruckt hat die Schüler die Begegnung mit der international bekannten Holocaust-Überlebenden Lidia Maksymowicz aus Krakau. Sie war drei Jahre alt, als sie mit ihrer Mutter in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert wurde. Bei ihrer Befreiung im Januar 1945 wurde sie von ihrer Mutter getrennt, die von den Nazis auf einen sogenannten Todesmarsch geschickt worden war. Beide überlebten, sahen sich aber erst 14 Jahre nach Kriegsende wieder. Bei der ersten Begegnung fiel die Mutter in Ohnmacht: Aus ihrer kleinen Lidia war eine junge Frau geworden.

Ihre Schilderungen gingen nicht spurlos an den Schülern des Märkischen Gymnasiums vorüber, ebenso die Besuche in Auschwitz, Warschau und Krakau, wo – im Gegensatz zur polnischen Hauptstadt – das Ghetto noch gut erhalten geblieben ist. Auch ein Besuch in der Fabrik von Otto Schindler, der über 1 200 Juden vor dem Tod rettete, stand auf dem Programm. Zudem nahm die Gruppe an den Feierlichkeiten zum 80. Jahrestag des Aufstands im Warschauer Ghetto teil.

Genau hier haben die Schüler aber auch erfahren, dass die Deutschen in Teilen der polnischen Bevölkerung – gerade bei den Älteren – kritisch angesehen werden. Wie Kolpatzik berichtet, habe sich ein älterer Herr darüber echauffiert, dass man ausgerechnet am Jahrestag das Ehrenmal besucht habe. Und auch Isra Deniz beobachtete, dass die Gruppe beim Gang durch die Städte von dem einen oder anderen kritisch beäugt wurde, ebenso beim Besuch in Auschwitz oder beim Einstieg in einen Zug. Dort habe sich, so Kolpatzik, eine Frau sogar in ein anderes Abteil gesetzt.

 

KOMMENTAR
Ein Muss für jeden Schüler
VON STEFAN GEHRE

Besuch von Gedenkstätten
Auch mehr als 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und den Gräueltaten der Nazis haben viele Deutsche nichts aus den damaligen Ereignissen gelernt. Übergriffe auf Juden, die Ausgrenzung Andersdenkender und -fühlender sowie der Versuch rechter Hetzer, junge Menschen für ihre Zwecke zu missbrauchen, haben auch im Jahre 2023 nichts an Aktualität verloren. Im Gegenteil: Sie nehmen zu.

Es ist daher wichtig und richtig, dass sich junge Menschen wie jetzt die Schüler aus Hamm an den Stätten, an denen die Nazis ihre Verbrechen verübt haben, mit der Geschichte befassen.

Im Kampf gegen das Vergessen müssen daher Besuche in Konzentrationslagern wie Auschwitz, Bergen-Belsen oder Buchenwald zu einer Pflichtveranstaltung für alle Schüler in Deutschland werden.

Aus dem WA vom 03.05.2023